Wenn in einem Gespräch die Frage fällt, wie viele Menschen eigentlich fremdgehen, wird erstaunlich schnell eine Zahl in den Raum geworfen. Mal sind es 20 Prozent, mal 40, manchmal sogar mehr als die Hälfte aller Verheirateten. Solche Angaben klingen eindeutig, und genau darin liegt das Problem: Bei Untreue gibt es kaum eine Zahl, die man einfach für alle Beziehungen übernehmen kann.
Ich habe bei diesem Thema immer wieder den Eindruck, dass weniger die Statistik selbst für Verwirrung sorgt als die Frage, was mit „fremdgehen“ überhaupt gemeint ist. Ein Kuss auf einer Party? Eine heimliche Dating-App? Eine längere Affäre? Sex außerhalb der Beziehung? Oder auch eine emotionale Beziehung, von der der Partner nichts weiß? Je nachdem, wie eine Studie diese Grenze zieht, verändert sich das Ergebnis erheblich.
Deshalb lohnt sich ein genauerer Blick auf die Forschung. Nicht, um am Ende eine beruhigende oder beunruhigende Prozentzahl zu finden, sondern um zu verstehen, wie häufig Untreue tatsächlich vorkommt und warum verschiedene Studien zu so unterschiedlichen Ergebnissen kommen.
Die eine Prozentzahl für Untreue gibt es nicht
Eine der bekanntesten Quellen für Zahlen zur sexuellen Untreue in den USA ist die General Social Survey. Dort wurden über viele Jahre Menschen zu ihrem Sexualverhalten befragt. Je nach Untersuchungszeitraum und genauer Fragestellung berichteten ungefähr 15 bis 20 Prozent der jemals verheirateten Personen, dass sie ihren Ehepartner während der Ehe schon einmal sexuell betrogen hatten. Bei Männern lagen die Werte traditionell höher als bei Frauen, wobei sich dieser Abstand in jüngeren Generationen teilweise deutlich verändert hat.
Solche Zahlen sind interessant, aber man sollte sie nicht als persönliche Wahrscheinlichkeit lesen. Wer beispielsweise hört, dass 15 Prozent der Befragten schon einmal untreu waren, kann daraus nicht ableiten, dass in jeder siebten Beziehung gerade eine Affäre stattfindet. Die Frage bezieht sich häufig auf die gesamte bisherige Ehe- oder Lebensgeschichte. Ein Ereignis vor 20 Jahren und eine aktuelle Affäre landen dabei zunächst in derselben Statistik.
Auch europäische Untersuchungen zeigen kein einheitliches Bild. Studien aus einzelnen Ländern kommen teilweise auf deutlich unterschiedliche Werte, weil sich Sexualverhalten, Beziehungsformen, Altersstruktur und vor allem die Bereitschaft, intime Fragen ehrlich zu beantworten, unterscheiden. Dazu kommt ein Faktor, der bei solchen Untersuchungen kaum vermeidbar ist: Untreue wird selbst dann nicht von allen Befragten ehrlich angegeben, wenn die Befragung anonym ist.
Warum „fremdgehen“ statistisch schwieriger ist, als es klingt
Wenn ich zwei Studien zum Thema Untreue nebeneinanderlege, schaue ich deshalb nicht zuerst auf die Prozentzahl. Ich lese die Definition. Das klingt trocken, entscheidet aber oft darüber, ob ein Vergleich überhaupt sinnvoll ist.
Eine Untersuchung kann beispielsweise fragen: „Hatten Sie während Ihrer Ehe Geschlechtsverkehr mit einer anderen Person?“ Eine andere erfasst zusätzlich sexuelle Kontakte ohne Geschlechtsverkehr, wieder eine andere spricht allgemein von einer „sexuellen oder romantischen Beziehung außerhalb der Partnerschaft“. Die Ergebnisse können dadurch erheblich auseinanderliegen, obwohl beide Studien vermeintlich dasselbe untersuchen.
Besonders schwierig wird es bei emotionaler Untreue. Für manche Menschen beginnt sie dort, wo eine Person intime Gefühle und Gedanken mit jemand anderem teilt und diese Verbindung vor dem Partner geheim hält. Andere würden das noch als Freundschaft betrachten. Eine heimliche Nachricht wie „Ich wünschte, du wärst jetzt hier“ kann für den einen Partner eine klare Grenzüberschreitung sein, während ein anderer erst bei einem körperlichen Kontakt von Betrug sprechen würde.
Das ist nicht bloß eine sprachliche Feinheit. In Befragungen führt es dazu, dass zwei Menschen mit identischem Verhalten die Frage nach Untreue unterschiedlich beantworten können. Statistiken messen deshalb nicht nur Verhalten, sondern auch die Definition, die hinter der Frage steht.
Wie häufig kommt Untreue in Ehen tatsächlich vor?
Bei verheirateten Paaren gibt es vergleichsweise viele Daten, weil Ehe und sexuelles Verhalten über Jahrzehnte wissenschaftlich untersucht wurden. In US-amerikanischen Bevölkerungsbefragungen liegt der Anteil der Menschen, die irgendwann während einer Ehe sexuelle Untreue angeben, häufig im Bereich von etwa 15 bis 20 Prozent. Andere Untersuchungen, die einen größeren Zeitraum oder andere Formen von Untreue einbeziehen, kommen auf höhere Werte.
Das bedeutet gleichzeitig nicht, dass 20 Prozent aller Ehepaare aktuell mit einem Seitensprung konfrontiert sind. Das ist eine wichtige Unterscheidung, die in populären Artikeln gern verloren geht. Zwischen „hat irgendwann einmal betrogen“ und „betrügt den Partner derzeit“ liegen statistisch Welten.
Auch das Alter spielt eine Rolle. Untreue verteilt sich nicht gleichmäßig über das gesamte Erwachsenenleben. In manchen Untersuchungen steigen die berichteten Erfahrungen mit zunehmendem Alter zunächst an und verändern sich später wieder. Männer und Frauen zeigen dabei teilweise unterschiedliche Verläufe. Die Unterschiede sind jedoch kleiner und komplizierter, als die klassische Vorstellung vom „Mann als Fremdgeher“ vermuten lässt.
Hinzu kommt die Dauer der Beziehung. Eine Partnerschaft, die seit zwei Jahren besteht, hat schlicht weniger Gelegenheit für ein Ereignis, das sich über zehn oder zwanzig Jahre Beziehungsgeschichte hinweg ereignen kann. Das klingt banal, ist für die Interpretation von Prozentwerten aber entscheidend.
Was Studien über Männer und Frauen zeigen
Historisch berichteten Männer in vielen Studien häufiger von sexueller Untreue als Frauen. In älteren amerikanischen Untersuchungen war dieser Unterschied teilweise deutlich. Neuere Daten zeigen jedoch ein differenzierteres Bild. Bei jüngeren Erwachsenen haben sich die Geschlechterunterschiede in manchen Datensätzen stark verkleinert.
Ich wäre deshalb vorsichtig mit Sätzen wie „Männer gehen häufiger fremd“. Als grobe Beschreibung bestimmter älterer Datensätze kann das stimmen. Als allgemeine Aussage über heutige Beziehungen ist es zu einfach. Das Verhalten hängt von Alter, Beziehungsstatus, Gelegenheit, sozialen Normen und vielen weiteren Faktoren ab.
Interessant ist außerdem, dass Männer und Frauen möglicherweise nicht völlig unterschiedlich häufig fremdgehen, sondern unterschiedlich darüber berichten. Bei einer anonymen Befragung kann die Bereitschaft zur Selbstoffenbarung ebenso eine Rolle spielen wie das tatsächliche Verhalten. Bei einem Thema, das Schuld, Scham oder Angst vor Entdeckung berührt, lässt sich dieser Einfluss kaum vollständig ausschalten.
Warum Menschen fremdgehen: Die Zahl erklärt das Motiv nicht
Eine Statistik kann zeigen, wie viele Menschen Untreue angeben. Sie erklärt aber nicht, warum es dazu gekommen ist. Genau hier werden viele Artikel meines Erachtens unnötig oberflächlich.
Untreue entsteht nicht immer aus demselben Grund. In manchen Beziehungen geht eine lange Phase emotionaler Distanz voraus. Einer der Partner fühlt sich über Jahre nicht gesehen, spricht darüber aber kaum. In anderen Fällen besteht die Beziehung nach außen hin stabil, während eine neue Bekanntschaft plötzlich eine Dynamik entwickelt, die niemand geplant hatte. Es gibt Menschen, die aus Unzufriedenheit fremdgehen, und andere, die ihre Beziehung nach eigener Aussage sogar als glücklich beschreiben.
Auch Gelegenheit spielt eine Rolle. Eine Person mit vielen beruflichen Reisen, neuen sozialen Kontakten und viel Zeit außerhalb der gemeinsamen Wohnung erlebt andere Situationen als jemand, dessen Alltag fast ausschließlich aus Familie, Arbeit und Zuhause besteht. Das ist keine Entschuldigung für Untreue, sondern eine nüchterne Beobachtung darüber, dass Verhalten immer in einem konkreten Lebensumfeld entsteht.
In der Forschung wird außerdem zwischen unterschiedlichen Formen von Untreue unterschieden. Manche Affären sind kurz und rein körperlich, andere entwickeln sich über Monate zu emotional wichtigen Beziehungen. Für den betrogenen Partner kann die zweite Variante besonders einschneidend sein, weil nicht nur Sexualität, sondern auch Vertrauen, gemeinsame Zukunftsvorstellungen und die Vorstellung von emotionaler Nähe betroffen sind.
Dating-Apps haben die Statistik verändert – oder nur unsere Wahrnehmung?
Bei Gesprächen über Untreue taucht inzwischen fast automatisch das Smartphone auf. Eine Dating-App, eine geheime Chat-Unterhaltung oder ein zweites Social-Media-Konto kann eine neue Form von Heimlichkeit schaffen. Trotzdem wäre es voreilig, daraus abzuleiten, dass moderne Technik automatisch zu mehr Untreue führt.
Technologie verändert vor allem die Möglichkeiten. Ein Kontakt, der früher nach einer Begegnung auf einer Geschäftsreise einfach abgebrochen wäre, kann heute mit wenigen Nachrichten über Monate weiterlaufen. Gleichzeitig ermöglichen Apps und soziale Netzwerke auch neue Bekanntschaften innerhalb völlig normaler Freundes- oder Arbeitskreise. Ob daraus Untreue wird, hängt nicht allein vom technischen Werkzeug ab.
Interessant finde ich dabei die Verschiebung der Grenze zwischen privat und geheim. Ein Partner kann durchaus ein Recht auf persönliche Kommunikation haben. Etwas anderes ist es, wenn bewusst ein Teil des eigenen Beziehungslebens verborgen wird, weil man weiß, dass der andere diese Information als Vertrauensbruch empfinden würde. Genau an dieser Stelle entstehen im Alltag oft die Konflikte, die keine Statistik sauber abbilden kann.
Wie zuverlässig sind Angaben über Seitensprünge?
Bei sensiblen Themen muss man immer damit rechnen, dass Befragte nicht alles erzählen. Das kann in beide Richtungen gehen. Manche verschweigen eine Affäre, andere erinnern sich Jahre später nicht mehr exakt an Zeitpunkt oder Dauer. Wieder andere verstehen eine bestimmte Situation gar nicht als Untreue und geben sie deshalb nicht an.
Forschende versuchen, diesen Effekt durch anonyme Befragungen, standardisierte Fragen und große Stichproben zu reduzieren. Ganz verschwinden lässt er sich nicht. Deshalb würde ich einer Zahl wie „27 Prozent gehen fremd“ niemals die Bedeutung geben, die sie auf den ersten Blick suggeriert.
Viel sinnvoller ist es, nach dem Zeitraum und der Definition zu fragen: Geht es um eine einmalige Erfahrung im gesamten Erwachsenenleben? Um eine aktuelle Beziehung? Um Ehe oder unverheiratete Partnerschaften? Um Sex, Küsse oder emotionale Nähe? Erst dann wird aus einer isolierten Prozentzahl eine Information, mit der man tatsächlich etwas anfangen kann.
Was eine Statistik über die eigene Beziehung nicht sagen kann
Vielleicht ist das der wichtigste Punkt, wenn jemand nach solchen Zahlen sucht, weil er gerade einen konkreten Verdacht hat. Eine Statistik kann niemals feststellen, ob der eigene Partner treu ist. Selbst ein sehr hoher oder sehr niedriger Durchschnittswert sagt nichts darüber aus, was zwischen zwei bestimmten Menschen passiert.
Wer nach „Wie viel Prozent gehen fremd?“ sucht, möchte manchmal eigentlich eine andere Frage beantwortet haben: „Muss ich mir Sorgen machen?“ Darauf gibt es keine seriöse Prozentzahl. Ein verändertes Verhalten, ständige Heimlichkeit oder widersprüchliche Erklärungen lassen sich nicht durch eine Bevölkerungsstatistik auflösen. Ebenso wenig bedeutet ein ungewöhnlich enger Kontakt zu einer anderen Person automatisch eine Affäre.
Ich finde es deshalb hilfreicher, Statistik als Hintergrundwissen zu betrachten und nicht als Beweismittel. Sie kann dabei helfen, das Thema zu entdramatisieren: Untreue ist weder ein extrem seltenes Ausnahmeereignis noch etwas, das zwangsläufig zu jeder längeren Beziehung gehört. Beides wäre eine Verzerrung der Realität.
Eine Zahl bleibt immer eine Momentaufnahme
Wenn man die verschiedenen Studien zusammennimmt, ergibt sich eher ein Bereich als eine magische Zahl. Für sexuelle Untreue innerhalb einer Ehe liegen viele große Untersuchungen bei einem Anteil im niedrigen bis mittleren zweistelligen Prozentbereich über die gesamte Ehedauer. Je nachdem, welche Formen von Untreue und welche Bevölkerungsgruppen einbezogen werden, können die Werte deutlich höher oder niedriger ausfallen.
Das ist weniger spektakulär als die großen Schlagzeilen mit 40 oder 50 Prozent. Dafür ist es näher an dem, was die Forschung tatsächlich hergibt. Eine gute Statistik darf nämlich auch unbequem uneindeutig sein. Gerade bei einem so privaten Thema wäre eine scheinbar exakte Zahl verdächtig einfach.
Am Ende bleibt für mich deshalb eine interessantere Frage als „Wie viel Prozent gehen fremd?“. Sie lautet: Was verstehen zwei Menschen überhaupt unter Treue, und haben sie jemals ehrlich darüber gesprochen? Ein Paar kann zehn Jahre zusammen sein und trotzdem nie ausdrücklich darüber gesprochen haben, ob Flirten, Sexting, Dating-Apps oder ein Kuss bereits eine Grenze überschreiten. Erst wenn diese Grenze verletzt wird, wird vielen bewusst, dass sie eigentlich nie gemeinsam festgelegt wurde.
Die Statistik kann uns sagen, dass Untreue vorkommt und ungefähr in welcher Größenordnung Menschen davon berichten. Sie kann aber nicht erklären, was Treue in einer bestimmten Beziehung bedeutet. Dafür braucht es kein Diagramm und keine Prozentzahl, sondern ein Gespräch, bei dem beide Seiten genau sagen, was sie voneinander erwarten. Und vielleicht ist gerade das die nüchternste Erkenntnis aus all diesen Zahlen: Nicht die Statistik entscheidet darüber, wie stabil eine Beziehung ist, sondern das, was zwei Menschen miteinander vereinbaren – und ob sie sich daran halten.
Bildquelle und Lizenz: https://www.magnific.com

Dodaj komentarz
Musisz się zalogować, aby móc dodać komentarz.